Der schwere Gang zurück

Ansbach Knapp zwei Monate nach dem Amoklauf eines 18-Jährigen bemühen sich Lehrer und Schüler des Gymnasiums "Carolinum" in Ansbach um Normalität.Doch mit frischer Farbe allein lässt sich das Erlebte nicht verarbeiten, sagt Schulleiter Franz Stark. (im Bild vor seiner Schule).

(Für "Welt am Sonntag")
 
Auf den ersten Blick erinnert nur noch eine weiße Stoffbahn an den 17. September. "Wir halten zusammen, wir bleiben unser Caro" steht mit blauer Farbe auf dem Transparent, das Besucher gleich am Ende der Treppe im ersten Stock empfängt. Es wirkt fast wie eine Art Trotzreaktion: Nein, sie wollen sich die Schulwelt am "Caro", dem Gymnasium Carolinum in Ansbach, auch nach dem Amoklauf eines Schülers nicht kaputt machen lassen.

Bei dem Amoklauf hatte der 18 Jahre alte Georg R., selbst Schüler der Oberstufe, bis an die Zähne bewaffnet mit diversen Messern, einer Axt und Molotowcocktails an jenem 17. September das Schulhaus betreten, in der Absicht zu töten und das Gebäude niederzubrennen. Erst die Polizei konnte ihn mit einem Schuss außer Gefecht setzen, nachdem er zuvor zwei Schülerinnen schwer verletzt hatte. Der Täter überlebte ...

 

Wieder an die Schule gewöhnen

Gut einen Monat nach der Tat wurden die zahlreichen Kerzen, Bilder und Briefe, die am Metallgitterzaun des Pausenhofs an die schreckliche Tat erinnerten, beseitigt. "Das ist ein Beitrag, zu versuchen, wieder in die Normalität zurückzukommen", sagt Schulleiter Franz Stark nachdenklich. Dies sei im Schulbetrieb zum Teil gelungen, problematisch seien aber die Schüler der Klassen 10 b, 9 c und 10 a, in deren Zimmer der Amokläufer Molotowcocktails geworfen hatte. Die beiden dabei schwerstverletzten Mädchen nähmen inzwischen zwar wieder am Unterricht teil, würden aber offiziell noch als krank gelten. "Es geht vor allem darum, dass man sie wieder an die Schule gewöhnt", fügt er an.

Um das zu erleichtern, seien die Klassenzimmer im dritten Stock, wo Georg R. Amok lief, gleich nach der Tat renoviert und in anderen Farben gestrichen worden. Es wird zwar darin inzwischen wieder unterrichtet, allerdings sitzen dort nicht mehr Schülerinnen und Schüler der damals betroffenen Klassen. Ihnen wurden andere Zimmer zugewiesen, was Teil der Bewältigungsstrategie ist. "Es geht bei ihnen darum, sie überhaupt wieder daran zu gewöhnen, in den dritten Stock zu gehen", sagt der Schulleiter. Darum seien nach wie vor Psychologen im Haus, künftig sollen es mindestens zwei an drei Tagen in der Woche sein.

Sie sollen das beinahe Unmögliche schaffen, denn das Carolinum sei durch die Tat von Georg R. "eines Teils seiner Unschuld" beraubt worden. "Mit dem Amoklauf haben wir das Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit in der Schule erst einmal verloren", beschreibt Stark die allgemeine Gefühlslage. Nun gehe es darum, dieses Empfinden zumindest teilweise wieder zu vermitteln. Folglich habe sich auch das Schulklima verändert.

Alle seien noch enger zusammengerückt, verhielten sich untereinander noch achtsamer. Zwar war das Carolinum schon immer bekannt für ein gutes Schulklima. Dass ein 18-Jähriger zum gehänselten Außenseiter wurde und schließlich einen Massenmord plante, bemerkte aber offenbar niemand. Eine Tatsache, die Franz Stark und die Psychologen ebenfalls beschäftigt. Das Umfeld könne zwar bemerken, dass es jemandem schlecht gehe, "aber ob jemand Amok läuft, das kann man nicht vorhersehen". Und er fügt an, dass der Täter, den er selbst ein Jahr lang unterrichtete, ja auch in psychologischer Behandlung gewesen sei. "Wenn da schon nichts auffiel, ist es schwer, jemand anderem Vorwürfe zu machen", verteidigt der Schulleiter die Schulgemeinschaft.

Angesprochen auf den Täter, der mit einem T-Shirt "Made in School" seinen Vernichtungsfeldzug gegen Mitschüler und Lehrer antrat, zögert der Schulleiter kurz. "Für mich ist die Vorstellung schlimm, was einen jungen Mann dazu bringt, mit einem Beil auf ein Mädchen loszugehen", formuliert er dann. Es sei schwer für ihn, zu verstehen, warum jemand das Gebäude niederbrennen und Hunderte Menschen töten wolle. "Auf absehbare Zeit habe ich nicht - noch nicht - das Bedürfnis, mit ihm zu sprechen", beantwortet er die Frage, ob es denn einen Kontakt gegeben habe.


Die Rolle der Medien

 

Bei der Bewältigung des 17. September sei die Schule nicht allein, unterstreicht Stark, ganz Ansbach rücke zusammen, Hilfe käme auch darüber hinaus. Dann berichtet er von einem Telefonat mit dem Pressesprecher des 1. FC Nürnberg, der den drei am meisten betroffenen Klassen Freikarten für ein Bundesligaspiel und einen Schulbesuch des aus Ansbach stammenden Kapitäns der Nürnberger, Uwe Wolf, anbot. "Solche Angebote, die wieder auf den Alltag hin lenken, werden wir auch annehmen", sagt Stark.

Eine "grenzwertige" Rolle hätten nach dem Attentat die Medien gespielt. "Was mit den Schülern teilweise abgelaufen ist, war schon heftig", sagt Stark. So hätten diese sogar einen offenen Brief an die Lokalzeitung geschrieben, in dem sie die "Sensationslust" beklagten. "Schüler, die die furchtbaren Ereignisse an ihrer Schule gerade zu verarbeiten beginnen, werden durch Telefonanrufe von Fernsehsendern in der Hoffnung auf spektakuläre Informationen ohne Rücksicht auf ihren seelischen Zustand belästigt", heißt es darin unter anderem.

Auf Nachfrage nennt Franz Stark Beispiele. So hätten Reporter einem Jungen einen Text vorgelegt, den er als seine Stellungnahme wiedergeben sollte. Einem Schüler, der vor laufenden Kameras seine Brandwunden gezeigt hatte, sei Geld bezahlt worden. Einem anderen seien 800 Euro angeboten worden für die Handynummer des Schülers, der einen der Brände schnell gelöscht hatte.

Etwas Angst beschleicht Franz Stark beim Gedanken an den Prozess gegen Georg R., "weil dann vieles wieder hochkommt". Zur Frage eines gerechten Urteils äußert er sich so: "Das hängt wirklich vom psychiatrischen Gutachten ab. Aber jemanden, der so eine Tat begeht, den halte ich für sehr krank."


Georg R., der nur durch Schüsse von zwei Polizeibeamten gestoppt werden konnte, ist inzwischen aus dem Krankenhaus in ein Gefängnis in Würzburg verlegt worden. Er schweigt nach wie vor zu seiner Tat. Ein psychiatrischer Sachverständiger hat in der Zwischenzeit jedoch ein erstes Gespräch mit dem Schüler geführt, bestätigte die Leitende Oberstaatsanwältin Gudrun Lehnberger. Wann ihm der Prozess gemacht wird, ist noch unklar.

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