Doktortitelverkauf an der Würzburger Uni?

Externe Fachleute sollen jetzt die Vorgänge um die »Würzburger Doktorfabrik« am Institut für Medizingeschichte aufklären. Wie Unipräsident Alfred Forchel mitteilte, sind bei einigen Arbeiten Zweifel an der verliehenen Doktorwürde aufgekommen.

Darum habe sich die Universität an die deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gewandt mit der Bitte, Wissenschaftler für eine Fachexpertise in Medizinhistorie zu benennen. Sollten auch die zu einem negativen Urteil kommen, droht den Ärzten die Aberkennung des Titels. »Ich denke, das wird schnell gehen. Das ist eine Frage von Tagen«, beantwortet Forchel die Frage nach ersten Ergebnissen.

(Für Main-Echo und Tauber-Zeitung)

Wie Forchel im Gespräch mit unserer Zeitung erläuterte, ist die Zahl der fragwürdigen Arbeiten noch nicht abschließend bekannt, aktuell seien gut 20 Dissertationen aus den Jahren 1998 bis 2005 auf dem Prüfstand. Matthias Frosch, Dekan der medizinischen Fakultät, spricht von im Umfang »dürftigen« Werken, die wohl auch »qualitative Probleme« aufwiesen. So bringe es die Arbeit eines norddeutschen Zahnarztes, die Forchel vom Team des ZDF-Magazins »Frontal 21« vorgelegt wurde, auf nicht mehr als 33 Seiten. Sie besteht weitgehend aus der Wiedergabe des »Wassertraktats«, eines mittelalterlichen Textes aus dem »Ansbacher Arzneibuch«. »Hier drängt sich auf, dass die Grenze des wissenschaftlichen Standards, welche eine Doktorarbeit erfüllen muss, unterschritten ist«, sagt der Unipräsident.

 

Arbeiten nicht ausreichend untersucht

Die Arbeit war zwischen 2005 und 2007 mit einigen anderen bereits im Fokus der ständigen Kommission zur Untersuchung wissenschaftlichen Fehlverhaltens der Universität Würzburg gestanden. Dies führte zu Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen einen emeritierten Professor. Er bekam 2009 einen Strafbefehl über 14.400 Euro, weil er von einem Promotionsvermittler insgesamt 6000 Euro für Doktorarbeiten angenommen hatte. Die Qualität der Arbeiten sei »nicht ausreichend untersucht« worden, räumt Forchel ein. Die Kommission sei lediglich dem Hauptverdacht nachgegangen, wonach sich niedergelassene Ärzte über einen Promotionsvermittler am Institut für Geschichte der Medizin quasi einen Doktortitel gekauft hätten. Wie etwa die Arbeit über das Wassertraktat zur Promotion führen konnte, ist Frosch schleierhaft: »Das war wohl eine Mischung aus besonderen Verbindungen und Netzwerken sowie falsch verstandener Kollegialität.«

Unabhängig von der möglichen Aberkennung der Titel klärt die jetzt ins Rollen gebrachte externe Untersuchung nicht den Hauptpunkt, den Insider in einem über 40-seitigen anonymen Brief aufwerfen. Demnach gab es für fünfstellige Summen am Institut für Medizingeschichte eine »All-Inclusive-Promotion«, bei der der Professor die Arbeit komplett selbst verfasste, durch Dritte abtippen ließ und automatisch die Hausdruckerei beauftragte.

Gedruckte Arbeiten identisch mit Notizen

Entsprechende Geldströme hat die Staatsanwaltschaft nach Angaben des Unipräsidenten nicht nachweisen können. Aber es gebe Hinweise in diese Richtung: Laut Forchel liegen handschriftliche Notizen des früheren Professors vor, die identisch sind mit der gedruckten Version von vier Doktorarbeiten.

Forchel und Frosch unterstreichen, dass es nun keinen Generalverdacht gegen frühere Doktoranden speziell in der Medizingeschichte gebe. »99,99 Prozent der hier an der Universität Würzburg gefertigten Dissertationen erfüllen höchste Ansprüche«, beteuert der Medizin-Dekan.
Der Fernsehbeitrag über die »Würzburger Doktorfabrik« läuft vermutlich am Dienstag um 21 Uhr im ZDF-Magazin »Frontal 21«.
 
Artikel für Tauber-Zeitung und Main-Echo

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